IDEEN zum Lesen

Vorschag  I:
Babylonia 3/2020–Zeitschrift für Sprachunterricht und Sprachenlernen

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Requiem für die Papierversion / Requiem per la versione cartacea

Requiem? Nein, es soll doch nicht pathetisch werden! Aber immerhin, etwas kommt zu Ende. 30 Jahre, eine Existenz wie ein Wimpernschlag ist vorbei. Es lebe die digitale Welt... (Siehe die Empfehlung zum Buch von R. Simanowski)
IDEA war seit je mit Babylonia und auch mit deren Herausgeberin die Stiftung Sprachen & Kulturen, verbunden, personell genauso wie logistisch, in einer gegenseitig positiven Gemeinschaft. Eine win-win Situation würde man heute sagen. Zum Anlass habe ich meinen letzten Beitrag für die letzte Papierausgabe geschrieben. Vielleicht könnte der Text den einen oder den anderen interessieren: "Zwischen Babylon und Prometheus: Die Suche nach einer neuen Zukunft" PDF

Requiem? No, evitiamo il patetico! Ma comunque, qualcosa sta per chiudersi. Trent'anni, un'esistenza è finita, non più di un battito di ciglia. Lunga vita al mondo digitale...  (Vedi la proposta di lettura del libro di R. Simanowski).
IDEA è sempre stata legata a Babylonia e anche al suo editore, la Fondazione Lingue e Culture, a livello personale come per la logistica, in sodalizio reciprocamente positivo. Una situazione win-win, si direbbe oggi. Per l'occasione ho scritto il mio ultimo contributo per l'ultima edizione cartacea. Forse il testo potrà interessare l'uno o l'altro: "Tra Babylonia e Prometeo: alla ricerca di un nuovo futuro" PDF



Proposta II:
R. Simanowski. Todesalgorithmus. Das Dilemma der künstlichen Intelligenz. Passagen Verlag. Wien, 2020, 141 S.
Simanowski


Man kann unsere Gegenwart als Zukunftsperspektive denken. Ist dem so, dann kann heute niemand noch ernsthaft bezweifeln, dass unsere Zukunft von der Technik bzw. der Technologie geprägt und bestimmt sein wird. Die Frage ist fatalerweise aufs ‘wie’ eingeschränkt. Ebenfalls ist beinahe für jedermann einleuchtend, dass dabei die sogenannte künstliche Intelligenz (KI) die entscheidende Rolle spielen wird, denn schon heute ist sie in manchen Alltagsgeschäften bestimmend und an die Stelle des Menschen getreten, der je nach Perspektive zum ahnungslosen, gezwungenen oder freiwilligen Ausführenden wird. Freilich: Nach wie vor besteht die Hoffnung, dass wir als Menschen doch noch irgendwie das Sagen werden haben können und die Kontrolle nicht aus der Hand geben. Nur wie lange wird dies noch der Fall sein können? Wird die KI eine Art gütige Nanny bleiben (die ‘schwache KI’), die den Menschen vor dem Abgrund rettet und ihn dabei, wie sich es viele erhoffen, vor den letalen Konsequenzen seiner Fehler, so z.B. die ökologische Weltzerstörung, bewahren kann? Oder wird der Mensch, die Originalsünde (Genesis, 1.3) endgültig büssend, die Herrschaft über seine eigene Schöpfung verlieren, und der KI das Feld überlassen müssen (‘harte KI’)?
Simanowski führt uns auf brillanter Weise in diese Fragen ein. Jeder zweite Satz ist in seinem Buch ist eine echte Anregung zu Denken, sachlich, kühl, kaum ausschweifend, unser Kulturerbe immer mitverarbeitend und uns daran erinnernd, dass wir unsere Existenz nur leben und die Probleme des Jetzt nur lösen können, wenn wir auch an die Zukunft denken. Der sogenannte ‘Todesalgorithmus’, der bei der Konzipierung und Planung des autonomen Autofahrens zur Anwendung kommt,  illustriert das Dilemma der KI: Die Steuerung des Autos wird selbständig entscheiden, ob beim anstehenden, unvermeidbaren Unfall, das kleine Kind oder die hinterherlaufende Mutter überfahren und getötet werden soll. Oder aber, um beim autonomen Autofahren zu verbleiben, wird der Verkehr sehr sicher und gleichzeitig total durchgeregelt verlaufen. Zum Teufel mit den Verkehrssünden! Keine Geschwindigkeitsübertretung, kein rollender Stop, keine Einbahnfahrt mehr... Dem Menschen würde schlicht die Möglichkeit genommen, Regelübertretungen überhaupt in Erwägung zu ziehen, um sich dafür oder dagegen entscheiden zu können, ob richtig oder falsch, ob gut oder böse. Souveränität und Freiheit ade! Denk- und Willensleistung würden dem intelligenten Algorithmus übertragen. Und so könnte es sein bei der Partnerwahl, bei der Temperaturregelung im Haus, beim Gemüsekauf, bei der Behandlung des Schnupfens, ... Soziotechnik wie sie derweil in China ganz konkret experimentiert wird. Was uns damit blüht ist die perfekte Welt, die Rückkehr zum Paradies, dort wo Transgressionen out sind, zum Leidwesen zumindest aller Adoleszenten, für die es reichlich traurig und langweilig vorkommen könnte! Na ja, aber Transgressionen können ja auch geregelt, optimiert werden...
«Künstliche Intelligenz korrigiert die babylonische Sprachverwirrung...» (S. 84), denn sie führt dazu, das Handeln durchrzurationalisieren bzw. aufgrund der big data durchzualgorithmieren und dem unweigerlichen Diktat der «Wenn-Dann-Logik» unterzuordnen. Die menschliche Vielfalt, welche als paradoxe Konsequenz der babylonischen Gottesstrafe, ihren Weg nahm, und sich im Rahmen der westlichen bürgerlichen Gesellschaft als Dominanz des Individuums gegenüber dem Kollektiv und der Gattung entfalten konnte, kommt zu ihrem Ende. Der Mensch wird so zum Schöpfer, zum ‘homo deus’ (Harari), aber verliert sich selbst... Und. Und.

Ich wünsche eine sehr anregende Lektüre!

Gianni Ghisla

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